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Stand 19.11.2009

 

 

 

 

Fahreignungsberatung

Die Veränderung der Fahrerlaubnisverordnung mit dem Verbot für Gutachter, im Bereich Fahreignung beratend oder für beratende Organisationen tätig zu werden, hat den Nebeneffekt, dass die in der Wahrnehmung von Betroffenen sozusagen „natürlichen“ Ansprechpartner, nämlich die Begutachtungsstellen für konkrete Fragen der Art „Wie sehen in meinem Fall die Anforderungen der Beurteilungskriterien aus? Wie bewertet der Gutachter die Schritte, die ich unternommen habe? Was soll ich an zusätzlichen Maßnahmen unternehmen?“ nicht zur Verfügung stehen. Einige Träger verweisen in diesen Fällen automatisiert an organisatorisch verflochtene Tochterunternehmen – dies ist aber weder das Ziel der FeV-Veränderung, noch steht dieser Weg den Trägern offen, die keine eigenen Nachschulungs/Beratungs-Angebote haben.

Was bislang fehlt, ist eine institutionsübergreifende Einigkeit darüber, was die Charakteristika einer seriösen Fahreignungsberatung sind. Zur Zeit arbeiten allerdings eine Reihe von Organisationen an Kriterienkatalogen. Im folgenden sollen bisherige Überlegungen dargestellt werden. Diese beruhen auf dem Austausch mit vielen niedergelassenen Kollegen und Gutachtern, speziell im Rahmen einer entsprechenden Fortbildung des BNV, der dabei ist, ein entsprechendes Angebot zu entwickeln - die Kriterien sind aber eine persönliche Wertung von Kriterien und keine mit Organisationen abgestimmter Text. Mir geht es im folgenden darum, eine Verständigung über Kriterien vorzuschlagen und zu begründen, die unabhängig von einer organisationsspezifischen Umsetzung geeignet sind, als Richtlinie für Begutachtungsstellen, Straßenverkehrsämter und Rechtsanwälte zu dienen, um die Frage von Betroffenen zu beantworten: Woran erkenne ich Anbieter, die kompetent und seriös eine solche Beratung anbieten?

Zugleich soll an dieser Stelle betroffenen Kraftfahrern eine Möglichkeit an die Hand gegeben werden, verschiedene Beratungsangebote nach sinnvollen Maßstäben zu bewerten.

Das Problem beginnt schon beim Begriff: „Laufbahnberatung“ ist zum Teil verbreitet, aber eigentlich unangemessen, „MPU-Beratung“ wird eher von Testvorbereitern verwendet, „Verkehrspsychologische Beratung“ ist bereits für Maßnahmen zur Punktereduzierung besetzt. Ich schlage vor, für die im folgenden beschriebene Maßnahme institutionsübergreifend den Begriff „Fahreignungsberatung“ zu verwenden und gemeinsam dafür zu sorgen, dass dieser Begriff an inhaltliche und formale Kriterien gekoppelt wird. Der Begriff beschreibt präzise, was gemeint ist, nämlich eine Beratung nicht mit Blick auf die MPU, sondern den Erhalt oder Wiederherstellung der Fahreignung.

Ziel der Beratung ist,

  • für den Betroffenen nachvollziehbar zu machen, aufgrund welcher Tatsachen und Schlussfolgerungen die Fahreignung in Frage steht;

  • was für Voraussetzungen existieren, diese wiederherzustellen;

  • wie selbstständig eingeleitete Veränderungsschritte zu bewerten sind;

  • welche zusätzlichen Schritte nötig oder empfehlenswert sind;

  • welche Unterstützung dafür notwendig oder sinnvoll ist;

  • welche verschiedene Wege zur Wiederherstellung der Fahreignung möglich sind;

  • was der Zeitaufwand, die voraussichtlichen Kosten und die Erfolgswahrscheinlichkeit bei verschiedenen Wegen ist.

Alles dies als Hilfe für eine Entscheidungsfindung für den Beratenen – es handelt sich also weder um eine Verkaufsveranstaltung für bestimmte Maßnahmen, noch um eine verhaltensändernde Maßnahme, sondern um eine Beratung.

Da der Erfolg solcher vorgeschlagenen Maßnahmen im Regelfall im Rahmen einer MPU überprüft wird, kann diese Beratung nur von Personen durchgeführt werden, die eine vergleichbare Qualifikation wie die Gutachter haben, die anschließend die Begutachtung durchführen, d.h. das erste Kriterium lautet:

1. Fahreignungsberatung kann nur von Psychologen mit entsprechendem Hochschulabschluss und einer verkehrspsychologischen Zusatzausbildung durchgeführt werden.

Gerade in einem solch dynamischen Arbeitsgebiet mit ständig wechselnden rechtlichen Rahmenbedingungen, neuen diagnostischen Instrumenten, Fortentwicklung von Leitlinien etc. reicht eine einmal erworbenen Qualifikation aber nicht aus, um eine Beratung zu gewährleisten, die den aktuellen Anforderungen entspricht und eine sachgerechte Einschätzung sicherstellt. Deshalb ist erforderlich:

2. Fahreignungsberater müssen sich kontinuierlich in ihrem Arbeitsgebiet fortbilden, über die aktuelle Grundlagenliteratur verfügen und in einen fachlichen Austausch unter Einbeziehung von Begutachtungsstellen eingebunden sein.

Entscheidend ist die Bestimmung des Charakters der Maßnahme:

3. Fahreignungsberatung zielt darauf, beim Ratsuchenden mögliche Eignungsmängel zu prüfen und ihm zu erläutern, bisherige Änderungsschritte einzuordnen und eine Orientierung für weitere Schritte zur Wiederherstellung der Fahreignung zu geben, sie ist weder eine Akquisetätigkeit, noch eine therapeutische Intervention.

Um die Unabhängigkeit von finanziellen Eigeninteressen des Beraters zu gewährleisten und eine Quersubventionierung zu vermeiden, ist eine kostendeckende Bezahlung unabdingbar:

4. Der Fahreignungsberater rechnet diese Dienstleistung zu den üblichen Stundensätzen ab, um vom Ergebnis seiner Beratung unabhängig zu sein; aus der Beratungssituation selbst dürfen keine Vereinbarungen für weitere Leistungen zugunsten des Beraters getroffen werden.

Zentral ist auch das Prinzip, nicht nur auf eigene Maßnahmen, sondern auch auf andere geeignete Maßnahmen, inklusive der von Konkurrenten hinzuweisen:

5. Der Fahreignungsberater ist verpflichtet, soweit sachlich vertretbar, bei Bedarf auf verschiedene alternative Möglichkeiten für Aktivitäten und Maßnahmen hinzuweisen, dies umfasst auch den Hinweis auf kostenfreie Angebote wie Selbsthilfegruppen und bei der Empfehlung eigener Maßnahmen konkurrierende Anbieter mit einer vergleichbaren Qualifikation.

Und schließlich gehört zu den Voraussetzungen einer überprüfbare Seriosität die Nachvollziehbarkeit des Beratungsergebnisses:

6. Der Fahreignungsberater dokumentiert die wesentlichen Eckdaten, auf denen seine Empfehlungen beruhen und die konkreten Beratungsergebnisse schriftlich, händigt diese dem Beratenden aus und dokumentiert dies für seine eigenen Unterlagen.

Die genannten Punkte bilden den Rahmen für einen minimalen Anforderungskatalog, nicht enthalten sind Überlegungen für eine organisatorische Umsetzung.

Nach meinen momentanen Informationen arbeiten zur Zeit folgende Organisationen von Verkehrspsychologen an der Umsetzung von vergleichbaren Kriterien:

BNV, IfS, AFN, Pro-Non,  der Hinweis auf weitere Anlaufstellen ist ausdrücklich erwünscht.

Langfristig erschiene es mir wünschenswert, dass sich möglichst viele Personen und Organisationen, die eine Dienstleistung nach oben genannten Kriterien anbieten, auf eine gemeinsame Darstellung und optimalerweise auf eine gemeinsame Adressenliste einigen könnten, die dann unter bestimmten Voraussetzungen auch ohne Wettbewerbsprobleme von den Fahrerlaubnisbehörden verwendet werden könnte.

Diese Seite ist eine Initiative der Verkehrspsychologischen Praxis Dipl.-Psych. Jörg-Michael Sohn, Saarlandstr. 6 a, 22303 Hamburg, Tel.: 040-56008008 - der Text ist eine überarbeitete Fassung eines Artikels aus dem newsletter verkehrspsychologie 06/2009 www.nlvp.de

 

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Copyright © 2009 Verkehrspsychologische Praxis Dipl.-Psych. Jörg-Michael Sohn, Saarlandstr. 6 a, 22303 Hamburg, Tel.: 040-56008008. Stand: 19. November 2009